Berlin Possibility

Erscheint am 4. November 2022

Christian Brox (Brox+1)

Brox+1. BERLIN POSSIBILITY

Rave in Ruinen. Clubkultur 1990 bis 2000.
Mit Texten von Tobias Rapp und Anton Waldt.

24,5 x 31 cm, 320 Seiten, ca. 300 Fotos, gebunden

ISBN 978-3-96849-057-1

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60,00 €

Vom Tanz auf den Ruinen zur neuen Clubkultur.

Der Fotoband BERLIN POSSIBILITY des Fotografen Christian Brox zeigt Berlin im utopischen Ausnahmezustand der 90er Jahre, als die halbe Stadt zum Abenteuerspielplatz einer Generation von Glückspilzen wurde: Ein heißer und ein kalter Krieg hatten das historische Stadtzentrum in einen Abenteuerspielplatz aus Ruinen, Brachen und Leerstand verwandelt, in der sich jugendliche Fantasie und Übermut ungehemmt austoben konnten. Jeder leere Laden, jeder leere Keller bot die Möglichkeit für einen neuen Club: Berlin Possibility.

Mit rund 300, größtenteils unveröffentlichten Bildern, vermittelt BERLIN POSSIBILITY einen unverstellten Eindruck des Treibens im einmaligen Möglichkeitsraum, in dem aus Hausbesetzungen, freidrehender Kunst und ungehemmter Partylust die Clubkultur entstand, für die Berlin heute berühmt-berüchtigt ist. Christian Brox hat diese Entwicklung nicht nur miterlebt, sondern als einer von nur wenigen Fotografen auch immer wieder dokumentiert, seine "Aufnahmen zwischen Rausch und Kater" erinnern den Spiegel "an den frühen Wolfgang Tillmans, weil die Euphorie noch echt ist und die Enttäuschung nur eine Ahnung".

BERLIN POSSIBILITY lädt zu einer Zeitreise in eine nahe und gleichzeitig frappierend ferne Vergangenheit Berlins, die im Spannungsfeld zwischen - echten und vermeintlichen - Gegensätzen oszilliert, am augenfälligsten durch den Kontrast zwischen überbordender Lebensfreude und der von Zerstörung geprägten, dystopischen Stadtlandschaft. Eher auf den zweiten Blick fällt auf, wie mit der spielerischen Aneignung von Räumen die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem neu verhandelt werden, womit sich im letzten Moment der analogen Vergangenheit bereits die Auflösung dieser Kategorien im folgenden, digitalen Jahrzehnt andeutet.

Mamillaria Spinossima Lem_quadrat.jpg
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Mamillaria Carnea zucc_quadratisch.jpg
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Christian Brox ist Fotograf, Filmproduzent und Weinimporteur. Er fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr sein Umfeld wie er es sieht. Seit 1994 unter dem Pseudonym Brox+1, das auf die übliche Gästeliste-Notation im Berliner Nachtleben verweist.

Tobias Rapp ist Journalist (taz, Spiegel) und Autor ("Lost and Sound - Berlin, Techno und der Easy Jet Set").

Anton Waldt lebt als Musikjournalist (ORF, De:Bug), Autor ("Auf die Zwölf") und Musiker in Berlin.

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Aus dem Vorwort von Anton Waldt:

In den 90ern passierte außer Techno und Abenteuerland erst mal nicht viel in der Stadtlandschaft, weil Politik, Stadtplanung und Bauwirtschaft sich zunächst vom Mauerfallschock erholen mussten, um anschließend die neue Lage überhaupt erst einmal zu erfassen, um draufhin gründlichst in Grübeln zu geraten, was denn nun zu Machen und zu Tun sei. Viel Zeit also, zum Raven und Ruinen erkunden, was meistens Hand in Hand ging, zumal von einem durchgehenden Feierbetrieb von Donnertag bis Montag noch lange keine Rede sein konnte: Der Tresor, der im März ´91 eröffnete, machte gegen sechs zu (was bis heute so ist und inzwischen richtiggehend niedlich wirkt), im E-Werk, das ´93 um die Ecke dazu kam, ging es bis 9 oder 10 Uhr, manchmal wurde es sogar Mittag. Noch etwas später kam der erste explizite Afterhour-Laden, der Walfisch, wo es erst um 6 Uhr Morgens losging, was aber auch unter Ravern erstmal als extrem harte Nummer galt. Aber die beste Afterhour war sowieso nicht der nächste Club, sondern der großen Abenteuerspielplatz Ostberlin. Mit oder ohne Drogen aufgedreht vom Raven kommend irgendwohin latschen, den Berufsverkehr in der U-Bahn bestaunen, Brachgrundstücke erkunden, in Fabrikruinen einsteigen, Sachen finden, DDR-Hinterlassenschaften plündern, auf Acid mit dem Fahrrad längs trödeln, sowas.

Aus dem Einleitungstext von Tobias Rapp:

Gleichwohl waren die Erfahrungen, die man in dieser Welt machen konnte, noch viel stärker als es einem damals vorkam. Ich träume bis heute häufig von leeren Straßen mit leeren Häusern, durch die man läuft, weil man etwas sucht. Von Kellern, in denen Partys stattfinden. Von Eingängen zu irgendwelchen Locations, die sich in dunklen Hinterhöfen befinden. Von Fabriketagen, aus denen man den Schutt wegräumen muss. Von Wohnungen, bei denen man nicht so recht weiß, sind sie bewohnt oder nicht. Von einer geheimnisvollen, heruntergekommenen, einladenden urbanen Landschaft, die darauf wartet, erobert zu werden. Von mir und meinen Freunden.
 
All das findet sich in Christian Brox Fotos. Die Gesichter, die immer wieder auftauchen. Die verblichenen Clubs. Dieses eigenartige Nebeneinander von Leuten, die so unterschiedlich gekleidet sind, wie sie es unter der Woche wahrscheinlich auch waren, aber die es alle zusammen in diese Orte zog, an denen man sich traf. Die Unschuld, die Freude und die Beiläufigkeit, die aus den Gesichtern spricht.